«Bei uns ist es immer bunt»
Im Alterszentrum Lindenhof trifft professionelle Pflege auf ein lebendiges Gemeinschaftsleben. Zentrumsleiterin Claudia Porter spricht über Entwicklungen, Herausforderungen und ihre Leidenschaft für die Langzeitpflege.
Claudia Porter vor dem Lebensturm im Garten des Alterszentrums Lindenhof. Bild: Janik Schmid
Im Alterszentrum Lindenhof trifft professionelle Pflege auf ein lebendiges Gemeinschaftsleben. Zentrumsleiterin Claudia Porter spricht über Entwicklungen, Herausforderungen und ihre Leidenschaft für die Langzeitpflege.
Rümlang. Es ist gerade Zukunftstag im Alterszentrum Lindenhof. Kinder sitzen im Kreis und unterhalten sich mit Bewohnern, während draussen im Garten die Kois im Teich ruhig ihre Bahnen ziehen. Der weitläufige Garten bietet aber noch viel mehr: ein Lebensturm – ähnlich wie ein Insektenhotel, jedoch für etwas grössere Tiere wie Igel und Fledermäuse – sowie Fitnessgeräte und einen Gartensitzplatz, auf dem viele Bewohnerinnen und Bewohner bei wärmeren Temperaturen gerne draussen sitzen. Neben Kindern kommen auch immer wieder Hunde von Mitarbeitenden oder Katzen aus der Umgebung auf Besuch. «Kinder und Tiere geben nochmals eine ganz andere Zuwendung – das tut älteren Menschen gut», erklärt Zentrumsleiterin Claudia Porter, und im Lindenhof, da bewege sich immer etwas. «Bei uns ist es immer bunt. Kein Tag ist wie der andere.»
Porter leitet das Zentrum seit September letzten Jahres. 70 Bewohnerinnen und Bewohner leben derzeit hier. Dass der Begriff «Alterszentrum» nicht mehr so ganz passt, erklärt sie gleich zu Beginn: «Wir sind nicht mehr das klassische Alterszentrum. Durch die Spitex bleiben die Leute heutzutage viel länger zuhause, was auch gut ist. Bis sie zu uns kommen, sind sie meist aber schon deutlich pflegebedürftig. Wir sind mehr zu einem Pflegezentrum geworden.» Die meisten Zimmer verfügen über einen eigenen Balkon, und alle Zimmer haben eine eigene Nasszelle.
Räumlich steht im Alterszentrum Lindenhof eine Entwicklung an: Die Doppelzimmer verschwinden. «Die Nachfrage ist weg. Die Leute möchten lieber ein Zimmer für sich – das bedeutet mehr Lebensqualität und individuellere Pflege», sagt Porter. Ende Jahr werden alle Zimmer auf Einzelzimmer umgestellt. Ausnahmen gebe es für Paare, die seit Jahrzehnten zusammen sind. Doch auch das komme seltener vor: «Früher kam der noch selbstständige Partner oft mit. Heute bleibt man länger zuhause, denn das Bedürfnis nach Selbstständigkeit ist gewachsen.»
Zum Lindenhof gehören 91 Mitarbeitende aus unterschiedlichen Bereichen: Pflege, Alltagsgestaltung, Gastronomie, Reinigung, Wäscherei, technischer Dienst, Administration. Es wird geturnt, gebastelt, gespielt, gekocht und musiziert – praktisch täglich läuft etwas. Das öffentliche Bistro lädt zu Kaffee und Gipfeli, Kuchen oder Mittagessen ein, ausdrücklich auch für die Bevölkerung. «Es sind alle herzlich willkommen», betont Porter. Zum Lindenhof gehört neben dem Hauptgebäude auch die Pflegewohngruppe im Haus am Dorfplatz, dessen ersten Stock sowie den Mehrzweckraum die Institution von der Stiftung Alterswohnen Rümlang gemietet hat. Die beiden Gebäude bilden beinahe eine kleine Siedlung, zwischen denen sich die Bewohner frei bewegen, sich besuchen und die verschiedenen Gemeinschaftsräume nutzen können. Direkt dazwischen liegt der Voi – ein Ort zum Einkaufen, Verweilen, Plaudern und Beobachten. Porter bemerkt schmunzelnd, dass es auf und um den Gemeindeplatz herum gerne noch ein paar zusätzliche Bänkli und Sitzgelegenheiten vertragen könnte.
Wichtig ist Porter die Zusammenarbeit innerhalb und ausserhalb des Hauses: Hausärzte, Apotheken, Physiotherapeuten, Freiwillige, eine Coiffeuse und Podologin, die einmal wöchentlich vorbeikommen. «Die Zusammenarbeit funktioniert besonders gut, denn das Wohl der Bewohner steht bei allen an erster Stelle.»
Konflikte zwischen Bewohnern gehören hin und wieder zum Alltag, sagt sie unaufgeregt. «Wenn so viele Charaktere zusammenkommen, gibt es das. Das darf auch Platz haben – aber es muss begleitet werden.» Herausfordernd sei, die Bedürfnisse der Menschen mit dem finanziellen Rahmen zu verbinden: «Wir sind öffentlich-rechtlich und arbeiten mit Steuergeldern. Das braucht Verantwortung, aber auch Kreativität und flexibles Denken.»
Die Gemeinde Rümlang bedeutet ihr viel. Was sie besonders schätzt: Der Lindenhof liegt mitten im Dorf, nicht am Rand. «Das finde ich genial. Die Bewohner bleiben in ihrem Umfeld, sehen Nachbarn und Freunde, können beim Voi einkaufen – auch wenn es manchmal nur um die eigene Body Lotion geht – das ist wichtig für die Selbstständigkeit.» Auch andere Angebote im Lindenhof seien öffentlich, doch die Hemmschwelle sei nach der Pandemie noch spürbar. «Es wäre schön, wieder mehr Besucher im Restaurant und an unseren Veranstaltungen zu sehen.»
Das Gesundheitswesen sei stark in Bewegung. Die Heimbettenplanung steht bevor, immer wieder gibt es gesetzliche Anpassungen, vieles müsse verschriftlicht werden, insbesondere im Qualitätsmanagement, bei welchem das Alterszentrum in zwei bis drei Jahren eine Zertifizierung anstrebe, so Porter.
Sie selbst kommt aus der Langzeitpflege – seit 1998. «Sehr schnell habe ich gemerkt: Das ist es, wofür mein Herz schlägt. Man baut Beziehungen auf und kriegt so viel zurück von dieser Generation.» Den klassischen Führungsweg hat sie Schritt für Schritt gemacht, bis zur Institutionsleitung. Heute lebt sie mit ihrer Frau und ihrem Sohn in Schwamendingen. Rümlang kennt sie aber schon seit ihrer Kindheit – über den Flughafen, über den Martinimärt, über die Feuerwehrtätigkeit ihres Vaters, der oft in der Gemeinde unterwegs war. Ausserdem schwärmt sie von der Boda Borg, wo die Familie aktiv Escape Rooms meistert. «Einige fordern intellektuell, andere sind körperlich anspruchsvoll und es gibt Räume aus einer Kombination aus beidem», erzählt sie. Auf die Frage, welche Räume sie am liebsten hat: «Wir sind
intellektuelle Menschen», sagt sie augenzwinkernd und lacht. Die körperlich anspruchsvollen Räume seien weniger ihr Ding. Dennoch ist Porter stets in Bewegung – Reisen ist ihre andere grosse Leidenschaft. In ihrem Büro hängen selbstgemachte Bilder aus Südkorea, die sie auf einer ihrer Reisen aufgenommen hat. «Auch haben wir
Familie in Amerika, daher sind wir oft in der Welt unterwegs», sagt sie.
Und auch zuhause in Rümlang gibt es immer etwas zu tun: Bald werden die Stände für den Adventsmarkt im und rund um das Alterszentrum aufgebaut. Der ganze Lindenhof ist in Vorbereitung. «Das beschäftigt gerade
alle. Jeder Bereich ist gefordert.» Am Samstag, 29. November, öffnet der Markt von
10.30 bis 16 Uhr – mit Essen, Musik, Rundgängen hinter die Kulissen, von der Küche bis zur Wäscherei und dem Keller, um zu sehen, was es alles benötigt, damit so ein Haus läuft. Und Porter sagt einen Satz, der nicht nur für das ganze Haus, sondern für die ganze Gemeinde gilt: «Alle sind herzlich willkommen.»
Janik Schmid
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