Gott im Bild unserer Welt
Pfarrer Bruno Rüttimann teilt seine Gedanken zur Weihnachtszeit. Ein persönlicher Jahresrückblick über Gott mitten im Bild unseres Lebens.
Die Krippe in der Katholischen Kirche St. Peter in Rümlang. Bild: Katholisches Pfarramt Rümlang
Pfarrer Bruno Rüttimann teilt seine Gedanken zur Weihnachtszeit. Ein persönlicher Jahresrückblick über Gott mitten im Bild unseres Lebens.
In meiner früheren Pfarrei (das ist aber schon 16 Jahre her) durfte ich jeweils die Weihnachtsfeier im Altersheim mitgestalten. Der Saal war übervoll, denn auch die Angehörigen waren eingeladen. Für meinen Impuls wählte ich damals eine Dia-Meditation aus. Die Bewohnerinnen und Bewohner und Angehörigen sitzen dem Bild zugewandt, hinter ihnen der Projektor. Ein Krippenbild ist an der Leinwand zu sehen – und mitten in dem schönen Bild das schwarze Profil eines Kopfes. Es ist die etwas unbeholfene Frau Müller, die sich da mitten in den Lichtkegel gesetzt hat. «Frau Müller, chönned Sie zor Site goh. Sie sitzed im Bild!», wird ihr von mehreren Seiten zugerufen. Etwas verstört rückt sie ihren Stuhl etwas beiseite. Jetzt ist das Bild tadellos zu sehen. Alle sind zufrieden und die Feier kann weitergehen.
Manche und mancher hat diesen Weihnachtswunsch: ein ungetrübtes Weihnachtsbild, bei Tannenduft, Kerzenschein, bei Zimtsternen und mit «Wonderful Christmas time» von Bo Katzmann oder so vor dem Weihnachtsbaum zu sitzen, die Welt zu vergessen und ein wenig glücklich und entspannt zu sein. Das ist ein verständlicher Wunsch. Wenigstens gelegentlich braucht der Mensch klare Bilder, Orientierung und ungetrübte Freude. Und Weihnachten gehört zu den Gelegenheiten, zu denen dieser Wunsch bei vielen sehr lebendig ist. Aber es schiebt sich immer etwas ins Bild – und ich meine «Gott sei Dank!» Denn sonst wäre Weihnachten eine Wirklichkeit, die mit der Wirklichkeit unserer Welt und unseres Alltags wenig zu tun hat. Gott und wir – wir existierten dann unberührt voneinander.
Aber wir schieben ja auch selber bewusst vieles von uns in unser Weihnachtsbild. Nicht wenige Menschen bauen ihre eigene Krippe, so wie die ehemalige Frauengruppe und unterstützt von ihren Männern getan. Übernommen haben diese schöne und wichtige Aufgabe junge Familien aus unserer Pfarrei. Sie stellen das Krippenhaus auf und platzieren die zahlreichen biblischen Darstellerinnen und Darsteller, schmücken die Krippenlandschaft mit Bäumchen, Zweigen und Blumen aus den Wäldern und Gärten und fügen alles zu einem religiösen Ganzen zusammen. Das alles hat eine Aussagekraft. Es will sagen: Er ist in unsere Welt hinein geboren, unsere Wirklichkeit ist seine Wirklichkeit, Betlehem ist überall – auch in Rümlang. Und vieles rückt in unser weihnachtliches Bild, das Schatten hineinwirft: Kriege in der Nähe und in der Ferne, Konflikte in den Familien und Partnerschaften, Terror-Anschläge wie jüngst in Sydney aber auch hier, Krisenherde da und dort, Gewaltanwendung als ständige Bedrohung bleiben auch an Weihnachten im Bild! Krankheit und Tod rücken ins Bild; Krisen und gescheiterte Lebensentwürfe bleiben im Bild; die Schicksale misshandelter und missbrauchter Kinder; die Not um den Arbeitsplatz, die Spannungen in der Ehe oder in der Familie verschwinden nicht mit dem 25. Dezember.
Auch anderes schiebt sich in das weihnachtliche Bild: unsere Sehnsucht nach Leben, nach Gelingen, nach Glück und Zufriedenheit; unser Beschenkt sein und unsere Dankbarkeit: All das schiebt sich hinein in das weihnachtliche Bild und sucht seine Beziehung zu der Botschaft, die dieses Bild verkündet: «Heute ist euch der Heiland geboren. Er ist der Retter der Welt.»
Vieles schiebt sich ins Weihnachtsbild – und es gehört dort hinein! Schliesslich ist Jesus auch vor zweitausend Jahren in unsere Wirklichkeit hineingeboren und hat vom ersten Schrei des Neugeborenen an die ungeschminkte Lebenswirklichkeit erlebt: kein Platz in der Herberge, die Geburt im Stall, die Flucht nach Ägypten, das Hineinwachsen ins Leben einer ganz normalen Familie.
Vielleicht kommen wir dem Weihnachtsgeheimnis auch dadurch näher, dass wir das Anfangsbild drehen: Wir haben unser Bild von unserer Welt – oft das Bild einer Welt ohne Gott. Den Einen ist das gerade recht, denn sie brauchen keinen Gott, wollen ohne ihn leben. Er passt ihnen nicht ins Bild. Es ist ihnen gerade recht, wenn sie sich in ihrer Selbstherrlichkeit unbeobachtet fühlen dürfen.
Andere leiden an dieser Welt ohne Gott, denn sie fühlen sich im Leid und leiden alleingelassen. Sie erleben Sinnlosigkeit und finden kaum eine sinnhafte Zukunft, ihr Bild von der Welt ohne Gott kennt keinen Ausblick. Da schiebt sich zu Weihnachten von Betlehem her jemand ins Bild – und das verändert den Charakter unseres Bildes: Unser Bild bekommt eine neue Überschrift: «Gott ist mit uns!» Gott ist an unserer Seite, Gott ist auf unserer Erde, mitten in unserem Leben. «Gott ist mit uns»: nicht, indem er Krankheit, Krieg, Leid und Not beseitigt; nicht, indem er meine Selbstherrlichkeit bestätigt; nicht, indem er Sinnlosigkeit und Dunkel auflöst. Das ist nicht sein Weg. Der Weg, den er geht, ist ein «MIT-Weg». Er wird Mensch – und ist mit dem Leidenden ebenso wie mit dem, der sich freut und feiern kann. Er spornt uns an und fordert uns heraus, diese, seine Welt, in seinem Sinne zu gestalten.
Du findest ihn in Kana bei den Feiernden, am Grab des Lazarus bei den Trauernden, am Kreuz bei den Sterbenden, im Grab, bei den Toten. Und am Auferstehungsmorgen findest du sie alle, uns alle, an seiner Seite! Du findest ihn als Anwalt der Gerechtigkeit an der Seite der Armen, du findest ihn als Kläger vor denen, die ihre Macht missbrauchen und Gewalt anwenden. Er rückt in unsere Wirklichkeitsbilder. Dort ist sein Platz, seit er in Betlehem Mensch wurde. Seitdem ist er sichtbar und erfahrbar im Bild unserer Welt – und das ist gut so! Manche stört das – wie bei der Weihnachtsfeier im Altersheim. Sein Hineintreten in das Bild unserer Wirklichkeit bewirkt, dass ihr gewohntes Spiel nicht mehr funktioniert. Den meisten ist das eine tröstliche Zusage: Gott ist mitten im Bild unseres Lebens – er ist mit uns in guten und schwierigen Tagen. Eine wahrhaftig frohmachende Botschaft: «Welt ging verloren, Christ ist geboren. Freue dich, o Christenheit!»
Bruno Rüttimann, Pfarrer Rümlang
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