Schulsozialpädagogik trägt Früchte
Seit rund eineinhalb Jahren läuft das Pilotprojekt Schulsozialpädagogik an der Sekundarschule Rümlang-Oberglatt im Schulhaus Chliriet. Am 16. März entscheiden die Stimmberechtigten über seine Zukunft.
Schulsozialpädagoge Christoph Lokhorst und Schulsozialarbeiterin Patricia Rütten. Bild: Janik Schmid
Seit rund eineinhalb Jahren läuft das Pilotprojekt Schulsozialpädagogik an der Sekundarschule Rümlang-Oberglatt im Schulhaus Chliriet. Am 16. März entscheiden die Stimmberechtigten über seine Zukunft.
Rümlang-Oberglatt. Ein Nachmittag im Schulhaus Chliriet in Oberglatt. Auf dem Gang grüssen Schülerinnen und Schüler den Schulsozialpädagogen freundlich. Christoph Lokhorst ist präsent – im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof, im Gang. «Die Jugendlichen kennen mich mittlerweile gut», sagt er. Seit Mai 2024 arbeitet er zusammen mit Projektleiterin Patricia Rütten am Aufbau des Projekts Schulsozialpädagogik, dessen Fortführung am 16. März nun zur Abstimmung kommt. Gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin hat er das Pilotprojekt umgesetzt und ausgewertet. Rütten betont: «Uns ist wichtig, nochmals einen Einblick zu geben: Was hat Herr Lokhorst in den vergangenen eineinhalb Jahren gemacht, wie hat er gearbeitet – und inwiefern hat es Früchte getragen?» Eine Projektbegleitgruppe habe den Prozess begleitet, es seien Berichte verfasst und eine «intensive Evaluation» durchgeführt worden. Schulpflege und Rechnungsprüfungskommission hätten das Vorhaben unterstützt. Nun entscheidet das Stimmvolk.
Lokhorst begann zunächst mit Hospitationen bei anderen Schulsozialpädagogen, machte sich mit dem zuvor erstellten Konzept vertraut und erstellte die nötigen Arbeits- und Informationsunterlagen. Im Sommer 2024 startete er mit vier Jugendlichen. Heute begleitet er acht. Er arbeitet zu 50 Prozent im Projekt, drei Tage pro Woche vor Ort. «Wir konnten das Vertrauen zu den Schülern schnell aufbauen», sagt er. Die Jugendlichen seien immer gerne zu ihm gekommen, hätten erzählt, «was sie beschäftigt und welche Probleme sie haben.» Das Angebot richtet sich an Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich – ohne diagnostizierte neurologische Beeinträchtigung. «Diese Jugendlichen haben keinen Anspruch auf Sonderpädagogik oder integrative Förderung.» Dies sei eine Lücke, die unbedingt gefüllt werden muss, erklärt Lokhorst. Rütten ergänzt: «Bei diesen Jugendlichen geht es nicht um Diagnosen wie Autismus oder ADHS. Sie haben keinen Anspruch auf Heilpädagogik, aber trotzdem das Bedürfnis für zusätzliche Unterstützung.» Hier komme Lokhorst als Schulsozialpädagoge ins Spiel.
Der Unterschied zur Schulsozialarbeit ist klar: Rüttens beratendes Angebot ist freiwillig. «Die Jugendlichen dürfen zu mir kommen, aber wenn sie nicht wollen, müssen sie nicht.» Die Schulsozialpädagogik hingegen ist obligatorisch – mit Einverständnis der Eltern, wohlbemerkt. «Wenn die Eltern zustimmen, dann müssen die Jugendlichen mit Herrn Lokhorst arbeiten.» Die Anmeldung erfolgt über die Klassenlehrpersonen, geht dann über den Tisch der Schulleitung sowie dem Fachbereich, inklusive Formular und Zustimmung der Eltern. «Die Lehrpersonen können nicht einfach anklopfen und sagen: Hier, nimm diesen Schüler», sagt Rütten. «Wohingegen die Jugendlichen bei mir wortwörtlich einfach anklopfen und einen Termin vereinbaren können. Die Schulsozialarbeit begleitet die Schülerinnen und Schüler zeitlich allerdings nie so intensiv wie die Schulsozialpädagogik.»
Ist die Begleitung gestartet, arbeitet Lokhorst engmaschig. Er sieht die Jugendlichen ein- bis dreimal wöchentlich jeweils mindestens eine Lektion, bezieht Lehrpersonen und Eltern ein und telefoniert bei Bedarf mit der Familie. «Ich habe die Zeit, das ganze System miteinzubeziehen», sagt er. Diese intensive Begleitung dauere mindestens ein halbes Jahr, meist aber deutlich länger. Es gebe noch keinen, bei dem er die Unterstützung unter einem Jahr bereits abgeschlossen habe. Reduziert würden die gemeinsamen Lektionen erst schrittweise, um auch Rückfälle zu vermeiden.
Inhaltlich geht es bei der Zusammenarbeit oft um Respekt im Umgang mit Mitschülern und Lehrpersonen, um Organisation und Ordnung, Pünktlichkeit, das fristgerechte Erledigen der Hausaufgaben oder auch um Überforderung. «Wenn jemand überfordert ist, kommt schnell mal noch etwas anderes hervor.» Ebenso wichtig sei die berufliche Orientierung: Lokhorst unterstützt beim Bewerbungen schreiben, bei der Lehrstellensuche und verweist auf Schnuppermöglichkeiten. «Wir hatten schon einige Erfolgserlebnisse. Die meisten von ihnen haben bereits eine Lehrstelle, weil wir und die Lehrpersonen immer wieder dran gesessen sind und es gemeinsam angepackt haben.» Für Rütten war neben der individuellen Unterstützung ein weiteres Ziel zentral: «Die Entlastung der Lehrpersonen, der Mitschüler und des Elternhauses.» In der Evaluation sei klar herausgekommen, «dass eine grosse Entlastung stattgefunden hat» und «eine Beruhigung im Schulalltag». Neun von zehn begleiteten Jugendlichen bezeichneten das Angebot als grosse Unterstützung und wünschten sich dessen Weiterführung. Auch Eltern hätten zurückgemeldet, dass sie einen Unterschied merkten und froh seien um eine Ansprechperson – etwa bei Fragen zur Erziehung oder zu beruflichen Anschlusslösungen nach der Schulzeit.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Früherkennung. «Wir haben gemerkt, dass es sehr wichtig ist, präventiv zu arbeiten», sagt Lokhorst. Ziel sei, möglichst früh präsent zu sein, in Klassen zu beobachten und Unterstützung anzubieten, bevor Situationen eskalieren. «Dass es gar nicht erst dazu kommt, dass die Lehrperson nicht mehr weiterweiss», so Rütten.
Auch finanziell argumentiert das Projektteam. «Meine Stelle ist eine Sparmassnahme», sagt Lokhorst. Ausserschulische Lösungen oder Time-out-Angebote seien «wesentlich teurer». Ziel sei es, so wenig wie möglich externe Massnahmen zu brauchen und Jugendliche im regulären Schulsetting zu halten, was erhebliche Kosten spart.
Für Oberglatt ist eine 70-Prozent-Stelle vorgesehen, für Rümlang 50 Prozent – basierend auf einer Bedarfsabklärung. Das Konzept stösst auch über die Gemeinde hinaus auf Interesse; andere Schulen hätten bereits nach seiner Expertise und dem Konzept gefragt, sagt Lokhorst.
Für Rütten und Lokhorst steht fest: «Alle sehen ganz klar: Es braucht eine Ressource wie diese an unserer Schule.» Nun liegt es an der Bevölkerung, am 16. März um 19 Uhr an der Schulgemeindeversammlung Rüm-lang-Oberglatt im Gemeindesaal Rümlang darüber zu befinden, ob die Schulsozialpädagogik definitiv eingeführt wird.
Janik Schmid
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