Der Weg zurück in die Luft
In Rümlang werden verletzte und unterversorgte Segler wieder aufgepäppelt. Ein «Praktikum» zeigt, wie viel Geduld, Feingefühl und Einsatz hinter ihrem Weg zurück in die Luft steckt.
In der Mauer- und Alpensegler Rehastation werden Segler gehegt und gepflegt. Bild: Janik Schmid
In Rümlang werden verletzte und unterversorgte Segler wieder aufgepäppelt. Ein «Praktikum» zeigt, wie viel Geduld, Feingefühl und Einsatz hinter ihrem Weg zurück in die Luft steckt.
Rümlang. In der Mauer- und Alpensegler-Rehastation in Rümlang herrscht Hochbetrieb. Rund 100 Vögel sind derzeit hier, mehr «Muris» als «Alpis», wie die Pflegerinnen die Mauer- und Alpensegler liebevoll nennen. Sie kommen aus dem ganzen Kanton Zürich, aus Winterthur, der Stadt Zürich und umliegenden Kantonen und Regionen, teilweise sogar bis vom Bodensee. Viele werden von Tierschutzorganisationen gebracht oder von Menschen gemeldet, die einen geschwächten oder verletzten Vogel gefunden haben.
Dieses Jahr ist die Situation besonders schlimm. Die Hitze hat den Seglern stark zugesetzt. Viele Jungvögel sind aus ihren Nestern gesprungen, weil es unter den Dachziegeln extrem heiss werden kann. Hauptsächlich junge Tiere landen deshalb in der Station, aber auch Altvögel sind darunter. Hunderte Segler waren diesen Sommer verletzt oder geschwächt. «Ein Wunder, wie viele in ihrer Kolonie überhaupt überlebt haben», sagt Silvia Volpi, Leiterin der Station.
Wer hier mithilft, lernt viel über die Segler. Mauer- und Alpensegler sehen sich ähnlich, der Alpensegler ist jedoch etwa doppelt so gross und schwer. «Und doppelt so frech», sagt Volpi lachend, bevor sie relativiert: «Ich mach Spass. Es sind ganz liebe Vögel.» Auch mit Schwalben werden sie häufig verwechselt. Ein Blick auf den Schwanz verrät den Unterschied: Schwalben tragen ihren typischen «Frack», Segler haben sichelförmige Schwanzfedern.
Zum Praktikum gehört zuerst eine Einführung in die Station. Danach geht es ans Füttern, Waschen, Versorgen und an die Physiotherapie, die Volpi jedoch selbst vornimmt. Gefüttert werden die Segler vor allem mit Grillenheimchen. Die Insekten werden unter anderem mit einem Vitaminpulver ergänzt. Bei den Grillen werden zuvor die Beine entfernt, damit keine Widerhaken verletzen können.
Ein hungriger Segler macht dabei unmissverständlich klar, was er will. Er schreit gierig und verschlingt ein Heimchen nach dem anderen. Die Vögel werden zum Füttern vorsichtig in die Hand genommen und mit einem Tuch umwickelt. Manche fressen selbst, andere müssen dazu gebracht werden. Ein wenig Streicheln an der Kehle kann beim Schlucken helfen. «Vorne an der Kehle können sie gestreichelt werden», erklärt Volpi. Die Schnäbelchen tun dabei nicht weh, selbst wenn ein Segler einmal in den Finger schnappt. Und was oben hineinkommt, muss irgendwann auch wieder heraus: Die Reinigung der Station ist ein grosser Teil der Arbeit.
Medizinische Versorgung gehört ebenfalls dazu. Besonders gefährlich sind Katzenbisse. Die Tiere sollten möglichst innerhalb von sechs Stunden Antibiotika erhalten. Oft werden sie jedoch zu spät gefunden oder zu lange von Menschen behalten. Dann kann eine Blutvergiftung zum Tod führen. Auch Baustellen sind gefährlich: Kräne, scharfe Metallkanten oder abgedeckte Gebäude können Segler schwer verletzen oder gefährden. Werden Brutplätze während Renovationen zugedeckt, kommen die Tiere nicht mehr hinaus. Falsches Futter wie Hackfleisch oder Zwieback kann ebenfalls schwere Gefiederschäden verursachen.
Bevor ein Vogel wieder in die Freiheit darf, steht das Flugtraining an. Der Raum dafür ist gepolstert und mit Vorhängen versehen, damit sich die Tiere nicht an Wänden verletzen. Sie werden auf den Boden gesetzt und müssen selbst starten. Ausschliesslich Volpi entscheidet und trainiert, welche Tiere wieder flugfähig sind. In Rümlang lässt sie adulte Segler starten, in einer Zürcher Kolonie können auch junge Vögel von einem Dach aus losfliegen.
Das Loslassen bleibt für sie auch nach 30 Jahren keine Routine. Volpi sorgt sich um jedes Tier. Beim Start kann noch darauf geachtet werden, dass kein Fuchs in der Nähe ist. Sobald der Segler aber in der Luft ist, muss er seinen Weg selbst finden. Vor Greifvögeln kann ihn niemand schützen.
Die Mauer- und Alpensegler-Rehastation ist ein Verein. Das kleine Team arbeitet teilweise rund um die Uhr. Die grössten Herausforderungen sind fehlende Helferinnen und Helfer sowie die Finanzierung. Wer regelmässig mitarbeiten möchte, ist deshalb sehr willkommen. Grosses Vorwissen braucht es nicht. Die Helfenden werden direkt vor Ort ausgebildet. Zeit, Geduld und Feingefühl in den Fingern sind wichtiger. Im Praktikum erfährt man auch von ganz besonderen Arbeiten wie Federtransplantationen.
Finanziell wird die Station unter anderem von der Stiftung Pro Artenvielfalt unterstützt. Volpi wünscht sich ausdrücklich eine weitere Stiftung als Gönnerin. Die bestehende Unterstützung reiche nicht aus, vieles bezahle sie «aus eigener Tasche». «Ich hätte gerne nochmals so eine Stiftung, das würde vieles einfacher machen», sagt sie.
Die Arbeit ist anstrengend, aber für Volpi auch bereichernd. Wenn ein Segler, der schwach und verletzt angekommen ist, wieder gesund aus der Kolonie startet, sei das ein schönes Gefühl. In Zürich hat sie eine Kolonie mit 45 Nistplätzen, die mit Webcams beobachtet wird – und sie wächst Jahr für Jahr.
Manche Segler können bis zu 20 Jahre alt werden, erfährt man hier. Mauersegler verbringen den Winter in Afrika und kehren Ende April zurück. Im August ziehen die meisten bereits wieder dorthin.
Volpis Begeisterung für die Tiere begann in ihrer Kindheit. Ihre Familie verbrachte schon damals Zeit in Naturschutzgebieten. Heute führt sie die Station mit den notwendigen offiziellen Bewilligungen und Ausbildungen. Das Ziel ist trotz aller Schwierigkeiten immer dasselbe: Den Segler wieder stark genug zu machen, damit er fliegen kann. «Und irgendwann muss dann der Moment kommen, in dem man ihn loslässt.»
Weitere Informationen, Möglichkeiten zum Spenden und zur Anmeldung als Helferin oder Helfer gibt es auf: www.apus.tv.
Janik Schmid
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